Nachhaltigkeit ?
Die Klimakrise erfordert Handeln auf allen Ebenen – auch im Kulturbereich.
Veranstaltungen verbrauchen Ressourcen, erzeugen Emissionen und hinterlassen Spuren. Das gilt für die Livemusik genauso wie für andere Branchen. Diese Seite schafft die begrifflichen und inhaltlichen Grundlagen, um den EcoGuide in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen.
Nachhaltigkeit basiert auf einer einfachen Kernidee: Wir sollen nicht mehr verbrauchen, als nachwächst; nicht mehr belasten, als sich regenerieren kann; nicht auf Kosten zukünftiger Generationen leben.
Es wird zwischen drei Säulen der Nachhaltigkeit unterschieden:
- Ökologische Nachhaltigkeit -> Ressourcen schonen, Emissionen reduzieren, natürliche Systeme erhalten
- Im Musiksektor beinhaltet dies: eine Reduzierung von erzeugten CO₂-Emissionen und anderen ökologischen Auswirkungen
- Leitfragen: Wie viel Energie verbraucht ein Club pro Nacht? Woher kommt sie? Wie reisen Künstler*innen an? Was passiert mit dem Abfall nach dem Festival?
- Ökonomische Nachhaltigkeit -> Strukturen aufbauen, die langfristig funktionieren, ohne Menschen oder Umwelt auszubeuten
- Im Musiksektor beinhaltet dies: Aufbau einer langfristigen finanziellen Stabilität des Kulturbetriebs, faire Löhne für alle Beteiligten, wirtschaftlich tragfähige Betriebsmodelle, Unabhängigkeit von kurzfristigen Fördermitteln
- Leitfragen: Was sind die grössten Einnahmequellen? Werden alle auf und hinter der Bühne fair entschädigt? Wie können publikums- / wetterunabhängige Einnahmen gestärkt werden? Aus welcher Quelle kommt das Geld? Bei welcher Bank sind wir?
- Soziale Nachhaltigkeit -> Teilhabe ermöglichen, Gerechtigkeit fördern, Gemeinschaften stärken
- Im Musiksektor beinhaltet dies: soziale Gerechtigkeit, Inklusion und Diversität
- Leitfragen: Wer hat Zugang zu Kultur? Wer wird gebucht, wer gehört? Wer trägt die Last prekärer Arbeitsbedingungen?
In der Praxis wird Nachhaltigkeit oft in Scopes, in Geltungsbereiche eingeteilt:
Scope 1 umfasst direkte Emissionen, etwa durch eigene Heizungsanlagen oder Fahrzeuge.
Scope 2 umfasst indirekte Emissionen durch eingekaufte Energie, zum Beispiel Strom für die PA-Anlage.
Scope 3 – in der Livemusik der mit Abstand grösste Brocken – umfasst alle weiteren vor- und nachgelagerten Emissionen innerhalb der Wertschöpfungskette: Publikumsmobilität, Lieferketten, Produktion von Equipment, Flugreisen der Künstler*innen etc.
Die grössten Hebel liegen oftmals nicht dort, wo zuerst hingeschaut wird. Es ist nicht die Glühbirne im Backstage, auf die der Fokus gerichtet werden soll, sondern auf die Frage, wie das Publikum anreist, ob ein*e Musiker*in fliegt oder den Zug nimmt, und welche Lieferant*innen gewählt werden.
Nachhaltigkeitsmanagement ist ein fortlaufender Prozess des Messens, Lernens und Anpassens.
Veranstaltungen benötigen Energie, Material, Konsumgüter und Infrastruktur. Künstler*innen reisen an, Publikum bewegt sich durch Städte und Regionen, es wird produziert, entsorgt, transportiert und betrieben. All das verbraucht Ressourcen und hat Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima. Die Frage ist nicht, ob Kultur Emissionen verursacht, sondern, wie sie bewusst und verantwortungsvoll damit umgehen kann.
Die Schweiz hat sich zum Netto-Null-Ziel bis 2050 verpflichtet. Kulturinstitutionen werden zunehmend von Förderer*innen, Gemeinden und Partner*innen gefragt, wie sie dazu beitragen, und Subventionen knüpfen sich mehr und mehr an Nachhaltigkeitskriterien. Auch auf Bundesebene wird in der Kulturbotschaft 2025–2028 Kultur als eigene Dimension der Nachhaltigkeit definiert und somit deren Rolle in der nachhaltigen Transformation unserer Gesellschaft kulturpolitisch verankert.
Nur wer mit dieser Entwicklung mitgeht, behält mittelfristig Glaubwürdigkeit, Handlungsspielraum und Finanzierungsmöglichkeiten.
Die (Livemusik-)Kultur hat eine einzigartige Position inne, die viele Chancen mit sich bringt:
Musikclubs und -festivals sind mehr als Veranstaltungsorte. Hier entstehen Gemeinschaften, Szenen, Identitäten und mitunter auch die Impulse, die eine Gesellschaft weiterdenken.
Die Livemusikkultur ist flexibel, vernetzt und nah an ihren Communities. Entscheidungen, die in anderen Branchen Jahre brauchen, können hier in einer Saison oder bis zur nächsten Ausgabe umgesetzt werden. Strukturen lassen sich von innen heraus verändern, weil die Menschen, die sie gestalten, auch in ihnen wirken.
Livemusikkultur hat zudem eine wichtige Sensibilisierungs- und Multiplikatorfunktion: Durch ihre grosse Reichweite erreicht sie einerseits eine Vielzahl von Menschen und kann andererseits durch künstlerische Inhalte Emotionen ansprechen, politische und gesellschaftliche Themen aufgreifen sowie Räume für Dialog, Reflexion und kollektives Lernen schaffen.
Der vorliegende EcoGuide fokussiert bewusst auf ökologische Nachhaltigkeit.
Sie bedeutet in diesem Kontext: Bewusster einkaufen, smarter buchen, regionaler denken, Ressourcen teilen, statt sie zu verschwenden – und dabei erfahren, dass viele dieser Schritte nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch und erst recht sozial sinnvoll sind.
Der EcoGuide ist ein Werkzeugkasten, zusammengestellt aus erprobten Massnahmen, strukturellen Überlegungen und konkreten Schritten aus der Praxis, der unterschiedliche Hebel sichtbar macht: grosse wie kleine, schnelle wie langfristige.
Eine Aufwand-Impact-Matrix macht sichtbar, was mit welchem Aufwand erreichbar ist: von einfachen Quick Wins bis hin zu transformativen Veränderungen, die Zeit und kollektiven Willen brauchen.
Nicht jede Organisation wird alles umsetzen. Aber jede kann heute irgendwo anfangen und damit morgen andere mitziehen und inspirieren.
Dieser EcoGuide lädt dazu ein, diese Verantwortung als kollektiven Prozess zu verstehen: als gemeinsames Lernfeld innerhalb der Szene. Denn eine nachhaltige Zukunft entsteht schlussendlich nicht durch einzelne Massnahmen, sondern durch Haltung, kollektives Engagement, Austausch und die Bereitschaft, Strukturen weiterzuentwickeln.